EN GARDE x Christoph Bauer

Christoph Bauer kann zwar nicht wie ein Wahrsager in die Zukunft sehen, beschäftigt sich aber trotzdem mit Zukunftsprognosen: Er ist Future Evangelist für einen der größten deutschen Versicherer. Beim diesjährigen Fifteen Seconds Festival war er als Guestspeaker geladen – wir trafen ihn vor seinem Talk zu einem kurzen Interview.

Christoph wuchs im Osten von Deutschland auf und studierte in Klagenfurt Kommunikationswissenschaften. Er arbeitete als Freelancer, Social Media Strategist und IT-Consultant, baute die Präsenzen von großen Marken wie Youtube oder Facebook in Deutschland mit auf und verhalf Unternehmen dazu, durch Einsatz neuer Technologien produktiver zu werden. Im Zuge seiner Tätigkeit als Berater fand Christoph heraus, dass er sich gern mit Trends und Zukunftsthemen beschäftigt.

“Wir sind dabei, Trends wie Automatisierungsarbeit oder künstliche Intelligenz, aber auch ein bisschen abgefahrenere Sachen wie Nanotechnologie und neue Biotechnologie so runter zu brechen, dass klar wird, was Human Resources eigentlich tun muss, um darauf zu reagieren. Wen werden die Neuerungen betreffen, wie kann man diese Leute schulen, so dass sie nicht den kürzeren im Rennen mit den Maschinen ziehen?”

Für Christoph werden Soft Skills in Zukunft noch viel relevanter werden, “weil das Miteinander zwischen den Menschen immer etwas sein wird, das man nicht automatisieren kann. Etwa das Einbringen von Ideen oder Mentoring von Kollegen. Nur weil jemand eine Arbeit tätigt, die vielleicht in kurzer Zeit automatisierbar ist, heißt das nicht, dass die Person an sich ersetzbar ist. ”

Dass einfache administrative Tätigkeiten zurückgehen werden, sieht Christoph langfristig als positiv an. “Es macht uns nicht glücklich und entspricht nicht dem Naturell des Menschen, Tag für Tag irgendwelche Dokumente durchzustempeln und zu prüfen. Das ist eine Verschwendung des Denkapparates. Deshalb müssen neue Bereiche kreiert werden, in denen Menschen ihre ureigenen Qualitäten – Kreativität, Neugierde, das Spielen mit Dingen, Kombinatorik oder Ideenreichtum – nutzen können. Ich glaube, das wird in Zukunft größere Relevanz haben.”

Die Herausforderung für Unternehmen liegt darin, Arbeitnehmer auf das nächste Level zu bringen und deren Arbeitsabläufe in relativ kurzer Zeit zu verändern. Vor allem bei älteren Arbeitnehmern sieht Christoph Handlungsbedarf.

“In Leuten, die seit 20 Jahren einen ähnlichen Job machen, muss man erst wieder Neugierde wecken und Veränderungsbereitschaft schaffen. Das ist eine große Aufgabe für Unternehmen!”

Ältere Arbeitnehmer, die kognitiv weniger leistungsfähig werden, können mit Erfahrung punkten: “Letztendlich gleicht der Erfahrungszuwachs den kognitiven Verfall proportional wieder aus. Die Erfahrung ist etwas, worauf man stark kapitalisieren sollte.” Um diese abzugreifen, müssen Möglichkeiten geschaffen werden, beispielsweise für Menschen, die nach dem Rentenantrittsalter gerne weiter arbeiten wollen. “Die Leute sollen ihr Wissen einbringen können, ohne täglich 8 Stunden im Office sein zu müssen, indem man sie zielgerichtet in Meetings holt oder sie durch Plattformen wie Enterprise Social Networks befähigt, sich zu beteiligen.”

Wenn Menschen, die aus dem Arbeitsleben ausscheiden, keine großen Hobbies und keine Aufgabe mehr haben, altern sie schneller. “Je länger wir diesen Menschen sinnvolle Tätigkeiten geben können, desto mehr Gutes tun wir ihnen. Neben den finanziellen Aspekten natürlich, die in Zukunft immer relevanter werden. Da sehe ich eine Baustelle.”

Welche Skills braucht nun der Arbeitnehmer der Zukunft, welche Lösungsansätze gibt es, und wie sieht Recruiting zukünftig aus? Damit beschäftigte sich der Talk von Christoph beim Fifteen Seconds Festival.

(Die Audio-Qualität des Videos ist aufgrund des allgemein herrschenden Lärmpegels am Festival leider nicht die beste – wir hoffen, ihr verzeiht uns).

Was ist deine Berufsbezeichnung bzw. deine Aufgabe im Job?

Ich bin Referent für Zukunftsthemen bei einem großen deutschen Versicherer. Ich schaue mir ganz gezielt Trends an –Nanotechnologie, neue Arbeitsformen in Netzwerken oder Gig-Economy, Freelancer, neue Arten Mitarbeiter zu entlohnen – und versuche, daraus Handlungsempfehlungen für die Organisation abzuleiten: Was kommt auf uns zu? Ich spreche mit Experten und Wissenschaftlern und versuche, deren Wissen sozusagen für uns handhabbar zu machen, es in konkrete Aktivitäten zu übersetzen, die man in Unternehmen tätigen sollte, um sich auf die Zukunft vorzubereiten.

Warum werden in Zukunft Soft Skills immer wichtiger?

Wenn etwas stark im Wandel ist – und wir alle werden in den nächsten Jahren immer mehr im Wandel sein – braucht man Menschen, die diesen Wandel fazilitieren, moderieren, Schiedsrichter sind und ihn letztendlich ihren Kollegen darlegen und versuchen, alle mitzunehmen. Es ist eine urmenschliche Geschichte, da Empathie und überzeugende Kommunikation zu nutzen, um die Belegschaft auf eine Reise in eine ungewisse Zukunft mitzunehmen.

Besonders die soften Skills werden weiterhin eine Rolle spielen. Und wir wissen natürlich auch, dass neue Führung, neue Arten, Ideen zu generieren, neue Konstellationen im Team, netzwerkartige Systeme hervorbringen. Auch die sind wiederum voll von Spannung, bringen aber auch unglaublichen Input und Innovationen mit sich, weil sich Ideen gegenseitig befruchten. Das möchte ich erst einmal sehen, dass ein Algorithmus dieses menschliche Gespür dafür bekommt, dass etwas nicht funktioniert oder eben funktioniert und man auf jeden Fall weitergehen sollte. Er kann sehr schnell Optionen evaluieren, aber tut sich wahrscheinlich schwer zu sagen: “Das ist eine Person, die jemanden begeistert.”

Wie sieht die Zukunft der Versicherungsbranche aus?

Sie ist immer schon im Wandel und ich glaube, Drohnen-Versicherungen und alles mögliche für die kurzen, kleinen Dinge, die jetzt so aufgekommen sind, ist ein Thema. Dazu kommen selbstfahrende Autos – wie wird da der Versicherungskontrakt aussehen? Wird dann vielleicht die Versicherung zwischen Automobilhersteller und Versicherer geschlossen und ist der Endkunde sozusagen an vielen Stellen schon aus der Gleichung raus? Klar müsste man das ganze jetzt auf andere B2B-Geschäftsbereiche umlegen.

An anderer Stelle haben wir stark zurückgehende Risiken, weil uns Algorithmen besser kontrollieren und alles miteinander vernetzt ist. Versicherungen werden sich ein bisschen anpassen. Mit den Daten, die Kunden preisgeben, werden sich wahrscheinlich, wie jetzt schon im Telematik-Bereich, die Tarife anpassen. Es wird auch Menschen geben, die keine Daten von sich bekanntgeben wollen, die werden dann wahrscheinlich einen anderen Preis bezahlen müssen. Das heißt, es wird ein Premium darauf entstehen, dass man anonym bleibt oder bestimmte Dinge nicht über sich preisgibt. So könnte zum Beispiel ein Premium-Versicherungsmarkt für Promis entstehen.

Was war die letzte Idee, die dich so richtig glücklich gemacht hat?

Ich glaube, die Familie auf die Konferenz hier mitzunehmen war eine coole Idee. Wenn man es unter einen Hut kriegt, Familie und Business-Dasein miteinander in Einklang zu bringen, dass es nicht mehr so strikt getrennt ist, zuerst Business und nach sechs Uhr darfst du familiär sein, sondern dass sich das immer mehr miteinander vermischt. Das macht mich ganz happy, dass das unterstützt wird und es nicht mehr so doof kommt, wenn man sagt, man fährt auf eine Business-Konferenz und nimmt die Familie mit.

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